So, Freunde der gepflegten Eskalation. Das Zittern in den Händen ist real. Der kalte Entzug hat begonnen. Zwei Wochen lang wurden wir verweichlicht, regelrecht in sportliche Watte gepackt. Zwei Wochen lang hat uns das olympische Eishockey eine hochreine Droge direkt in die Hirnrinde gespritzt, die sich „Qualität“ nennt. Habt ihr das gesehen? Pässe, die so präzise waren, dass sie dem Empfänger im Laufen noch sanft die Eier gekrault haben? Spielzüge, die aussahen wie das verdammte Bolschoi-Ballett, nur auf Kufen und mit Schlägern? Ein Tempo, bei dem man den Puck nur noch als verschwommenen Kondensstreifen im HD-Stream wahrgenommen hat? Es war ekelhaft. Es war widerlich perfekt. Es war eine regelrechte Beleidigung für jeden, der Eishockey als den ehrlichen, fehlerbehafteten Unfallsport kennt, den wir lieben.
Und jetzt? Jetzt wachst du aufgeschwitzt auf, und der DEL-Alltag schlägt dir ins Gesicht wie ein nasser, drei Wochen alter Leberkäs. Ich reib mir die Augen. Mein Hirn versucht, knirschend von „4K Ultra HD“ auf „Röhrenfernseher mit Wackelkontakt und eingebranntem Testbild“ umzuschalten. Schluss mit „No-Look-Pass blind in den Lauf“. Willkommen zurück bei „Panik-Pass in die Rundung und beten, dass der Eismeister nicht wieder besoffen die Bande gewischt hat“. Schluss mit taktischer Finesse. Willkommen im Tal der Tränen. „Dump and Chase“ – wobei das „Chase“ meistens schon daran scheitert, dass ein Verteidiger unfallfrei über die eigene blaue Linie stolpern müsste.
Mit diesem flauen Gefühl von chronischer sportlicher Unterhopfung schlepp ich mich ins Kleeblattl. Ich brauch Erdung. Ich brauch Bodensatz-Realität. Drinnen riecht es nach billigem Rasierwasser, dreifach frittiertem Fett und dem chronischen Angstschweiß vom Augschburg Andy. Metzger Inge steht hinterm Tresen und filetiert gerade eine Fleischwurst mit der feinfühligen Anmut eines Kettensägenmörders auf Speed. Zahnlos Zoran versucht derweil, eine Breze zu essen, indem er sie einfach stumpf weglutscht. Linedance Lenny übt in der Ecke den Moonwalk, rutscht auf einem durchgeweichten Bierdeckel aus und scheppert mit dem Schädel so hart gegen die Jukebox, dass sie kurz Wolfgang Petry spielt.
„Habt ihr Olympia gesehen?“, frag ich zittrig in die Runde. „Das war Sport! Das war Kunst!“, fiept der Augschburg Andy aus seiner Ecke. Inge spuckt verächtlich, aber präzise in den verstopften Ausguss. „Kunst… pfff. Kunst ist, wenn ich aus drei Kilo halb verwestem Mett einen Igel forme! Das da im Fernsehen war doch kein Eishockey. Das war rhythmische Sportgymnastik für Veganer! Kein Check, der dir die Milz raubt, kein frisches Blut, kein einziger verdammter Zahn aufm Eis?“
Sie greift sich den Augschburg Andy, der sich gerade feige hinter der Zapfsäule verstecken wollte, und drückt sein Gesicht gnadenlos in eine Schüssel lauwarmen Kartoffelsalat.
„Aber Inge!“, jammer ich. „Jetzt geht’s doch wieder los. Der graue, trostlose Alltag! Und schau dir diesen perversen Spielplan an! Wir müssen umschalten von Ferrari auf gebrauchten Fiat Multipla!“
Mittwoch: München. Kampf um Platz 3. Die Dosen. In deren Halle ist die Stimmung so klinisch tot und steril, da könnte man am offenen Herzen operieren. Da wird Eishockey nicht gelebt, da wird es von Marketing-Typen „eventisiert“. Es stinkt penetrant nach künstlichem Gummibären-Saft und überteuertem Popcorn. Ein Konstrukt, so seelenlos, dass selbst ein Kirby-Staubsaugervertreter Mitleid kriegt.
Freitag: Köln. Der Tabellenführer. Die Haie. „Das ist doch krank!“, ruf ich. „Wir kommen aus der Pause, der Kopf ist vermutlich noch in irgendeinem All-Inclusive-Ressort, und dann sollen wir direkt gegen diese Schnösel ran?“
Zoran hebt den Kopf, billige Majo im Mundwinkel. „Weisch…“, lallt er mit der Weisheit eines Mannes, der schon alles verloren hat, „die Dosen und die Haie… die haben auch Olympia geschaut. Die sind jetzt genauso verwirrt. Die denken auf einmal, sie könnten zaubern.“ Er kichert dreckig und rotzt auf den Boden. „Aber wir… wir wissen, was für ein dahergelaufener Dorfverein wir sind. Wir können vielleicht nichts viel, aber das mit absoluter Hingabe.“
Inge lässt den Andy los (er sieht jetzt aus wie ein grob paniertes Schnitzel und weint leise) und drischt mit der Faust auf den ranzigen Tresen. „Recht hat er, der Zahnlose! Lass die Münchner Schickimickis doch versuchen, schön zu spielen! Lass die Kölner doch ihren Hacke-Spitze-1-2-3-Bullshit probieren! Wir sind verdammt noch mal Dritter! Und warum? Weil wir den Gegner so lange asozial abnerven, bis er freiwillig aufgibt, und wir zumindest keine totalen Vollblinden auf dem Eis haben!“
Ich schau mir den genetischen Sondermüll um mich herum an. Andy atmet schwer durch den Kartoffelsalat. Lenny tanzt jetzt humpelnd den Macarena. Zoran grinst sein zahnloses Teufelsgrinsen. Und plötzlich ist er weg, der Kater. Scheiß auf Olympia. Scheiß auf diese perverse Perfektion. Das hier ist die verdammte DEL. Wir gewinnen nicht, weil wir gut sind. Wir gewinnen, weil wir ekliger sind als die anderen.
„Inge!“, brüll ich. „Ein Helles! Und eins für den Andy, damit er die Zwiebeln aus dem Salat runterspülen kann!“ Wir fahren nach München. Wir fahren nach Köln. Scheiß Red Bull, Scheiß Kölner Haie. Lasst die Spiele der DEL wieder beginnen.